Dienstag, 19. Juni 2018

Bern, Madrid, Kiew - und darüber hinaus



Flughafen Zürich-Kloten, 9h15. In den Überwachungskameras stechen in der Menge drei Personen hervor. Nicht etwa wegen ihrer Bekleidung (Fussball-Trikot und, trotz der sommerlichen Temperaturen, Schal), und auch nicht aufgrund der Dosen Bier in der Hand (trotz der Uhrzeit), sondern aufgrund der verdächtig guten Laune. Die Zentrale meldet dies einer Patrouille – man muss schliesslich stets vom Schlimmsten ausgehen. Nach ein paar Abklärungen und einer Personenkontrolle wird grünes Licht gegeben: Es handelt sich um zwei Fans von Real Madrid, die nach Kiew an das dritte Champions League Finale ihres Klubs in Folge reisen. Aha, die übertrieben gute Laune kommt also weder von Drogenkonsum, noch vor der Vorfreude auf einen Terrorakt. Real Madrid Fans! Kein Wunder, sind sie so gut drauf!

Plaza del Sol, Madrid, 11h. Das Sonnenlicht dringt problemlos durch die Ritze des vergilbten Vorhangs dieses mittelprächtigen Hostals und weckt die zwei verkaterten madridistas langsam aber unbarmherzig auf. Mehrmals geht der Griff zur Wasserflasche daneben, die liebevoll auf dem Stuhl bereitgelegten berna madridista Jubiläums-Schals gleiten zu Boden und die späte Uhrzeit bringt ein Stöhnen hervor. „Los jetzt, wir wollten doch früh beim Santiago Bernabéu sein!“

Bern, 11h30. Die zwei Kisten mit Fahnen und anderem Fanklub-Material werden in den Kofferraum gehievt. Ihr Ziel: Die Beiz 44 in Bern. Denn dort wird sich der madridismo der Schweizer Hauptstadt zusammentun, um gemeinsam der Dreizehnten entgegenzufiebern. Es werden Bierdeckel des Fanklubs bereitgestellt, Fahnen aufgehängt und die Grossleinwand aufgestellt. Das Personal der Bar hat Unmengen an Bier kaltgestellt und der Grill steht blitzblank bereit, um die Gäste zu versorgen. An Essen und Trinken soll es nicht fehlen, das steht fest!

Kiew, 12h. Fast alle angereisten Mitglieder von berna madridista treffen sich beim Olympiastadion zur Ticketabholung. Die meisten können es kaum glauben, hier zu sein. Die Reise war sehr teuer und in machen Fällen lang. Denn erst kurzfristig überbrachte Real Madrid die gute Neuigkeit, so dass für viele eine kurzfristige Planung unumgänglich war. Eine Unterkunft im ausgebuchten Kiew zu finden war eine Herkules-Aufgabe. Und doch sind wir alle hier, und das allein zählt jetzt. Die Sonne scheint, es ist warm, die Ukrainer sind freundliche Gastgeber, das Essen ist gut und das Wichtigste: Heute Abend spielt unser Herzensklub. Was will man mehr? Alfredo vom Fanklub-Büro begrüsst uns herzlich. Er weiss, wie der Berner Fanklub an jedem Spiel dabei ist, ob in Zypern, Bulgarien oder Marokko. Von den typischeren Destinationen in Deutschland, Italien, Frankreich oder England ganz zu schweigen. Auch deshalb blieb Real Madrid nichts Anderes übrig, als uns bei der Ticketvergabe zu berücksichtigen. Und das freut madridista Alfredo. Das erhaltene Ticket wird sofort, und als wäre es ein Kronjuwel, versorgt. Ab ins Bier!

Madrid, 16h. Das Aufstehen und ausgiebige Frühstück hat sich in die Länge gezogen, und ein kurzer Spaziergang zum Königspalast tat sein Übriges. Ist auch nicht schlimm, es geht noch mehrere Stunden bis zum Anpfiff. In der Metro auf dem Weg zum Bernabéu erkennt man sich: Viele tragen Weiss. Ein paar grimmige Gesichter gibt es, das müssen die permanent verbitterten Atlético-Fans sein. Die werden heute alle zu Liverpool-Supportern, das ist gewiss. Aber ihr Neid macht uns umso stärker. „Próxima parada, Santiago Bernabéu“, ertönt die mechanische Stimme es aus dem Lautsprecher. Mit einem lauten Zischen gehen die Türen auf und alle stürmen johlend aus dem Zug. Ein paar klatschen RMCF-Stickers an die Wände. Der Kater ist vergessen: Mit grossen Sprüngen geht es die Treppen hoch, Richtung Licht, und dann erscheint majestätisch das Santiago Bernabéu, die Arena, wo Träume wahr werden. 


Bern, 17h30. Die ersten Real-Fans, die die es am wenigsten erwarten können, treffen ein. Jedem wird ein Krug Bier in die Hand gedrückt – vom Fanklub spendiert – und später gibt es für alle kostenlos Hamburger mit Pommes. Mehrere Mitglieder tragen den Jubiläumsschal des Fanklubs (es werden 10 Jahre gefeiert), und viele haben Freunde – selbstverständlich auch Real Madrid Fans – mitgebracht. Wir begrüssen sogar weithergereiste Mitglieder, wie zum Beispiel Georg aus Basel und Lars aus Bötzingen (D). Viele Kilometer, um gemeinsam mit anderen gleichgesinnten ein Spiel zu sehen. Das ist madridismo. Es wird hitzig diskutiert: Soll die BBC (Bale, Benzema, Cristiano) spielen? Was ist mit Lucas Vázquez und Isco? Wie werden die Engländer spielen? Wird Salah ein Problem für Real? „Der Schlüssel zum Sieg ist ein frühes Tor!“, ruft einer, um dann gleich den zweiten Krug zu bestellen. Irgendwie müssen ja die rund 50 madridistas die Wartezeit überstehen...

Kiew, 18h. Die Bar ist voller Real-Fans, viele davon aus Madrid, ein paar aus Bern. Bier um Bier schlittert über die nasse Theke, dann geht es plötzlich über zum Whisky. Die breiten und bärtigen Ukrainer die ausschenken, sind alles Dynamo-Fans. Eine berüchtigte Fan-Schar. Aber wir sind zahlende Kunden und schenken ihnen dazu noch RMCF-Stickers, die sie mit den glitzernden Augen eines Kleinkindes entgegennehmen. Draussen wurden mehrere grimmige, verdächtig nach Dynamo-Ultras ausschauende Typen erspäht, was Erinnerungen an den Angriff ukrainischer Hooligans gegen Liverpool-Fans am Vortag wach werden lässt. Doch der Alkohol wischt jede Sorge weg, und aufgrund der lauten Gesänge haben sich bereits mehrere Polizisten am Eingang eingefunden. Endlich werden die Segel gesetzt: Johlend verlassen rund 30 Real-Fans die Bar, mit einem lauten Knall wird eine Leuchtbengale gezündet und es geht Richtung Stadion!

Madrid, 20h. Die Tickets auf den Namen von berna madridista wurden abgeholt. Für alle Mitglieder von berna madridista waren sie gratis, und zur grossen Freude wird festgestellt: Es sind fantastische Plätze! Inmitten gleichgesinnter fühlt man sich zudem sehr schnell wohl, auch wenn man selbst kein Spanisch spricht. Das Santiago Bernabéu ist ausverkauft, die Stimmung grosses Kino. In der Mitte des Platzes flimmern riesige Bildschirme, sie zeigen Erinnerungen an den letzten Champions League Triumph in Cardiff. Die positive Energie ist der Wahnsinn. So viel Zuversicht, was kann da noch schiefgehen? Viele Socios (Voll-Mitglieder) sind hier, denn die Reise gegen Osten war für viele zu teuer. Spontan werden Gesänge aus verschiedenen Ecken des legendären Bernabéus angestimmt. „Señores soy madridista desde la cuna, que vamos a ser campeones no tengo duda...“

Bern, 20h45. Anpfiff! Die Hamburger und das Handy sind nun vergessen und mit Hochspannung wird das Spiel verfolgt. Liverpool macht Druck. Das war zu erwarten, und es wird nicht ewig andauern. Real verteidigt routiniert, und doch gibt es mehrere Schreckmomente. Dann verletzt sich Salah an der Schulter, was die Barcelona-Fans später billig benutzen werden, um die Leistung Reals abzuwerten und Ramos der Unfairness zu beschuldigen. Einigen BM-Mitgliedern ist die Erleichterung anzusehen, Salah hat eine unglaubliche Saison gespielt. Der Halbzeitpfiff ertönt, 0-0.

Kiew, 22h45 (Ortszeit). Die Halbzeitpause ist vorbei, alle Hände gehen in die Luft und klatschen unisono, der Trommel folgend, „Hasta el final, vamos Real! Lo, lolo, lolo,...“ Die Mitglieder von BM stehen hinter dem Tor, wo die Stimmung elektrisierend ist. Und da fällt wie aus dem heiteren Himmel das 1-0... Ohrenbetäubender Jubel, man wird hin und her gestossen, umarmt, mit Bier überschüttet und plötzlich zischt eine leuchtendrote Bengale auf. Vamos!

Madrid, 22h30. Es steht 3-1 und im Bernabéu ist niemand mehr zu halten. Es wird mit rauer Stimme nochmals die RM-Hymne gesungen, und als der Schlusspfiff ertönt, erzittert ganz Madrid. Eines unserer Mitglieder schreibt: „Es ist schwer, ein treffendes Wort für dieses Erlebnis zu finden. Alles war schlichtweg unglaublich. Ich freue mich, eines Tages meinen Kindern davon zu erzählen!“. Nach dem Spiel ziehen die Fans zu Fuss in einem Umzug vom Stadion zum Cibeles-Brunnen. Es ist unbeschreiblich. Immer wieder kommt die Menge zum Stehen, um Lieder gemeinsam anzustimmen, Fahnen werden geschwenkt. Auf einer Brücke wird der Marsch von Mitgliedern von Ultrassur empfangen, die Unmengen an Pyros zünden und 13 grosse mit den Europapokalen bemalte Fahnen in die Höhe stemmen. Mitten im Umzug, noch ein Heiratsantrag. Gibt es eine bessere Kulisse?

Bern, 22h50. Nach dem ersehnten Abpfiff wird eine weitere Runde Bier ausgeben, um zusammen auf den 13. Titel anzustossen. Und damit auch wirklich das gesamte Quartier mitbekommt, wer der König von Europa ist, werden auf der Strasse vor der Bar bei lautem Gesang Bengalos und Rauchbomben gezündet. Für einige ist der Abend noch lange nicht vorbei, andere denken bereits an den 1. Juni 2019...  


Kiew, 23h00 (Ortszeit). Der 13. CL-Pokal wird von Kapitän Ramos in die Höhe gestemmt und die Hälfte des Stadions explodiert. Es ist vollbracht, der Madridismo kann schon wieder feiern! Einziger kleiner Wermutstropfen: Ab den vielen Selfies mit mitgebrachten Freunden und Familie vergessen die meisten der RM-Spieler uns, die Fans. Nur wenige von ihnen überqueren die Leichtathletik-Bahn. Sie vergessen, dass sie ohne uns, nichts sind. Dass RMCF wir, die Fans sind, und dass Spieler kommen und gehen. Das tut aber unserer guten Laune keinen Abbruch. Die berna madridista Fahne wird verstaut und wir machen uns auf ins Kiewer Nachtleben. Unbesorgt, denn auch ein Alkoholrausch wird die Erinnerung an diesen Tag nicht verblassen lassen. Sie ist ins Gedächtnis eingraviert wie „REAL MADRID CF“ in die silberne Oberfläche der d r e i z e h n t e n Champions League Trophäe...

Ja: Der Samstag, 26. Mai 2018 war ein Tag für die Annalen der Geschichte des runden Leders. Niemals zuvor hat ein Fussballklub die Königsklasse so lange dominiert.  Doch der 26. Mai 2018 hat sich auch in das Gedächtnis von Millionen von madridistas eingebrannt.  Egal wo wir an diesem Tag waren: Es ist einer dieser Tage, die wir nie vergessen werden. Und es wird auch in dreissig Jahren einer dieser Tage sein, an wir alle genau wissen werden, was wir gemacht, gegessen und getrunken und wie und mit wem wir gefeiert haben.


Als am 12. Oktober 1492 Amerika entdeckt und das bisherige Ende der Welt (bis dahin, der Atlantik) erweitert wurde, setzten die spanischen Könige die Devise „Plus Ultra“ in das spanische Wappen. „Plus Ultra“ (lateinisch), bedeutet „darüber hinaus“ und widersetzt sich dem „Non Plus Ultra“ („nicht mehr weiter“), welches auf den Herkules-Säulen zu lesen gewesen sein soll. „Plus Ultra“ ist zweifellos auch die Devise Real Madrids. Denn das Sättigungsgefühl ist schon wieder vorbei. Wir lechzen nach weiteren Pokalen, Abenteuern und epischen Siegen. Das ist das Gen des madridismo.

REAL MADRID, EINE LEIDENSCHAFT, UND BERNA MADRIDISTA, STETS ZUVORDERST DABEI!






Dienstag, 5. Juni 2018

Der König ist nicht totzukriegen, es lebe der König!


Wer an Real Madrid C.F. denkt, kommt nicht darum herum über glorreiche Europapokalnächte zu sinnieren, in denen Schweiss, Blut und des Öfteren auch Tränen vergossen wurden!
Blickt man nur ein paar Jahre zurück, so war Real in Europa als „ewiger Favorit“ verpönt, scheiterte der Klub doch sieben Mal in Folge im Achtelfinale der Champions League. Erst 2011 schafften wir es, ausgerechnet gegen den damaligen Angstgegner Olympique Lyonnais die Phalanx zu durchbrechen, und seither sind wir jedes Jahr mindestens bis ins Halbfinale gelangt. Nach dem grossen Durchbruch  mit la Décima im Jahr 2014, schien der Gipfel erreicht als Sergio Ramos am 3.Juni 2017 den Henkelpott in den Nachthimmel von Cardiff reckte und Madrid als erste Mannschaft seit Einführung der Champions League den Titel verteidigen konnte. Kaum ein Madridista hatte in seinen kühnsten Träumen daran gedacht, dass die Truppe um Zidane die erneute Verteidigung des Titels in der europäischen Königsklasse gelingt.  In der heutigen kompetitiven Neuzeit, mit zahlreichen schwerreichen Topklubs, schien es undenkbar, dass eine Mannschaft die Champions League zweimal in Folge gewinnt, aber gleich drei Mal schlägt dem Fass den Boden aus! Der Rest von Fussball-Europa, in erster Linie Erzrivale Barcelona, scharte sich um die Gegner der Königlichen: Plötzlich hatten Paris, Juventus, Bayern und Liverpool – nebst ihren höchst ehrenwerten Fans auf Lebenszeit – ein Meer an Trittbrett-Supportern, die sich in mehrere Kategorien teilen lassen: 1) „Ich will, dass die Hegemonie von RMCF durchbrochen wird“ (David und Goliath Effekt); 2) „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ (siehe v.a. Barça und Atlético Fans); 3) „Ich bin zwar kein Fussballfan und habe keine Ahnung aber dieser reiche Etablissement-Klub aus Madrid ist mir nicht sympathisch.“ Und so wünschten uns Millionen von Menschen ein Ausscheiden. Etwas, was Ramos und Co. nicht aus der Ruhe gebracht hat. Aber alles der Reihe nach.
In der Gruppenphase bekam man es in der Gruppe H, mit Tottenham, Dortmund und Nikosia zu tun. Mit vier Siegen einem Unentschieden und einer Niederlage Auswärts im Hexenkessel Wembley stieg man als Gruppenzweiter hinter den Spurs in die KO-Phase auf. Dort bekam RM mit den neureichen Parisern einen „harten Brocken“, ja sogar gemäss viele Experten einen „Top-Favoriten“ auf den Titel, zugelost. Während viele madridistas die Saison 2017-18 bereits abschrieben (in der Meisterschaft lief es alles andere als rund), überraschte Zizous Truppe alle: Zuhause gab es einen glasklaren 3-1 Sieg gegen Unai Emery, Neymar und Co., und im Rückspiel nützten auch die Lärm-Macherei vor dem Hotel der Madrilenen und die riesige Pyro-Show im Stadion der Pariser Fans nichts. Madrid gewann gegen den französischen Meister erneut (1-2) und zog mit einem Gesamtscore von 5-2 in das Viertelfinale ein. Plötzlich wurde dem König Europas wieder Respekt gezollt und die ersten Hoffnungen regten sich, den Titel erneut verteidigen zu können. Zizou bewies wieder einmal, in schwierigen Situationen immer eine Antwort parat zu haben. Die alte Dame aus Turin war der nächste Stolperstein auf dem Weg nach Kiew. In Turin wurde die Heimmannschaft dominiert und, zumindest resultatmässig, deklassiert: 3-0, inklusive dem Traumtor von Ronaldo. In der Königsklasse brachte die Mannschaft, anders als in la Liga und der Copa del Rey, seine Leistung.
Das Rückspiel im heimischen Bernabéu schien nur mehr eine Formsache zu sein. Falsch gedacht: die von Allegri hervorragend eingestellten Italiener führten bis zur 97 Minute mit 0-3 und waren auf Kurs in die Verlängerung. Als der Schiedsrichter zu Recht auf Elfmeter für Madrid entschied: Benatia hatte Lucas Vázquez im 16er regelwidrig zu Fall gebracht.  Cristiano trat an und verwandelte das Stadion in ein Tollhaus, Aufstieg ins Halbfinale zum 8ten Mal in Folge, REKORD.
Der Aufschrei, der die nächsten Tage durch die diversen Zeitungen hallte, war enorm. Von Betrug war die Rede, erkauftem Aufstieg, usw. Madrid hatte sein Glück in unnachahmlicher Art und Weise erzwungen, aber auch solide Leistungen erbracht, und stand verdient im Halbfinale. Doch der Neid schlug in Europa um sich, und den Antimadridistas trat beim Gedanken an einen Finaleinzug der Weissen der Schweiss ins Gesicht. Nach den designierten Meistern aus Frankreich und Italien, bekam man den deutschen Champion, die Münchner Bayern zugelost. Erneut eine Herkules Aufgabe: Die Bayern unter einem alten Bekannten Jupp Heynckes wieder erstarkt und sannen nach dem letztjährigen Aus im Viertelfinale auf Rache. Die Münchner fühlten sich damals vom Schiedsrichter betrogen, die Bilder von damals kochten wieder hoch und die Verantwortlichen der Deutschen gossen zusätzliches Öl ins Feuer.  
Der Aufschrei, der die nächsten Tage durch die diversen Zeitungen hallte, war enorm. Von Betrug war die Rede, erkauftem Aufstieg, usw. Madrid hatte sein Glück in unnachahmlicher Art und Weise erzwungen, aber auch solide Leistungen erbracht, und stand verdient im Halbfinale. Doch der Neid schlug in Europa um sich, und den Antimadridistas trat beim Gedanken an einen Finaleinzug der Weissen der Schweiss ins Gesicht. Nach den designierten Meistern aus Frankreich und Italien, bekam man den deutschen Champion, die Münchner Bayern zugelost. Erneut eine Herkules Aufgabe: Die Bayern unter einem alten Bekannten Jupp Heynckes wieder erstarkt und sannen nach dem letztjährigen Aus im Viertelfinale auf Rache. Die Münchner fühlten sich damals vom Schiedsrichter betrogen, die Bilder von damals kochten wieder hoch und die Verantwortlichen der Deutschen gossen zusätzliches Öl ins Feuer.
Das Hinspiel fand wie letzte Saison in München statt und die Bayern drängten von Anfang an auf das Führungstor. Nach einem Patzer von Navas gelang ihnen dies dann auch, jedoch konnte Madrid kurz vor der Pause mit dem ersten Schuss aufs Tor zum 1-1 durch Marcelo ausgleichen. In der zweiten Halbzeit vollendete Asensio nach tollem Pass in die Tiefe zum 1-2. Schlagartig wurde es still in der Allianz Arena. Trotz Dauerdruck auf das spanische Tor lag Real Madrid vorne. Die Mannen um Zidane brachten das Ergebnis dank überragender Reaktionen von Navas und hervorragender Defensivarbeit über die Zeit. Am Ende war das Jammern aus München bis nach Bern vernehmbar.
Im Rückspiel geriet man erneut früh in Rückstand, Benzema konnte diesen aber schnell egalisieren und in der 46 Min., nach schwerem Patzer von Bayern Torwart Ullreich, gelang sogar das rettende 2-1. Der Ausgleich durch die Madrider Leihgabe Rodriguez war nur Ergebniskosmetik. Held des Abends war der viel gescholtene Franzose und erneut Navas, welcher mit starken Paraden die Angriffsreihe der Deutschen zur Verzweiflung brachte.
Tollhaus Bernabeu: Während die Münchner mit hängenden Köpfen in die Katakomben schlichen, wurden die Heimischen vom Publikum frenetisch gefeiert. Dritter Finaleinzug in Folge, unglaublich! 


Der grosse Tag war da: 26. Mai 2018. Millionen von Real-Fans und Millionen von antimadridistas vor dem Fernseher. In Kiew warteten die Reds aus Liverpool, ein unangenehmer Gegner mit einer tollen Angriffsreihe rund um Salah. Nach anfänglichem Dauerdruck der Engländer konnten sich die Spanier sukzessive aus der Umklammerung befreien. Zum Pech der Briten verletzte sich Salah bei einem unglücklichen Zweikampf mit Ramos an der Schulter und musste ausgetauscht werden. Mit dem Stand von 0-0 ging es in die Halbzeitpause. In der 51. Minute dann, ein riesen-Patzer: der deutsche Torwart Karius wirft den Ball dem schlauen Benzema auf die Fußspitze und das runde Leder kullert ins Tor vor dem Madrider Anhang: 1-0! Nach dem fast sofortigen Ausgleich durch Mané, nahm RM den Zauberstab hervor: Scharfe Flanke von Marcelo, Bale blitzschnell in der Luft, Fallrückzieher, Karius hechtet, RIESENTOR! Selbst den Liverpool-Fans stockte der Atem und Zidane schüttelte mit dem Kopf und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ausgerechnet der viel gescholtene Waliser versetzte Liverpool in Schockzustand. Die Reds bäumten sich auf, doch der König Europas übernahm wieder gekonnt und routiniert das Zepter. Selbstbewusst zog Bale zog aus über 20 Metern ab und Karius griff erneut daneben, der Ball flog über seine Hände hinweg zum 3-1 ins Netz. Nach 83 Minuten war klar, Madrid hat das unmögliche Möglich gemacht und erneut die TITELVERTEIDIGUNG geschafft!  Die mitgereisten Fans – darunter mehrere von berna madridista – feierten bereits, während man auf der Gegenseite die Köpfe in den Händen vergrub und erste Tränen über vom Alkohol geröteten Wangen kullerten. Während nach dem Schlusspfiff die Königlichen versuchten, den am Boden zerstörten Karius zu trösten, war ihnen wohl auch nicht bewusst, was sie soeben vollbracht hatten: Seit Einführung der Königsklasse 1992 dachte man, keine Mannschaft könnte den Titel verteidigen, geschweige denn drei Mal in Folge erringen. Madrid strafte alle Lügen und setzte sich zum 13ten Mal die Krone auf. „Der König ist nicht totzukriegen, es lebe der König!“

Die Neider setzten zu einer letzten Attacke an: Karius sei gekauft worden. Oder aber er sei nach einem Ellenbogen von Ramos betäubt gewesen. Ramos habe Salah mit Absicht verletzt (was der Videobeweis klar widerlegt). Bla, bla, bla. Uns beschäftigte etwas Anderes, denn kurz nach dem Finale kam der Nackenschlag: Zidane erklärte am 31.Mai nach 2,5 Jahren als Cheftrainer seinen Rücktritt. Er sei am Ende seiner Reise angekommen und habe das Gefühl, die Mannschaft benötige eine Veränderung. Vor dieser Entscheidung kann man, so sehr sie auch schmerzt, nur den Hut ziehen. Am Höhepunkt tritt der schon als Spieler vergötterte Franzose ab und beweist wahre Grösse. Er ist erst der zweite Coach nach Camacho, welcher unter Perez’s Ägide von sich aus seinen Stuhl räumt. Bei der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz konnte man dem Präsidenten ansehen, wie sehr ihn die Entscheidung von Zidane überrumpelt und mitgenommen hat. Der Franzose verabschiedete sich unter tosendem Applaus aus dem Pressesaal, Perez meinte, dies sei kein endgültiger Abschied, sondern nur ein „bis bald“. Hoffentlich behält der Baulöwe recht.
Die Kandidatenliste ist lang. Mit Guti ist erneut eine interne Lösung, welche sicher viele Fans präferieren würden, denkbar. Hingegen hat der Spanier wenig Erfahrung. Neben der Suche nach einem neuen Trainer wird es wohl auch Veränderungen innerhalb der Mannschaft geben. Denn die Leistung in der Champions League kaschierte das schwache Abschneiden in la Liga und das blamable Aus in der Copa. Beides Rückschläge, für die hauptsächlich die Spieler verantwortlich sind, die beim nationalen Titelkampf halb so viel Motivation zeigten wie bei der Champions League. Es gilt in der nächsten Saison an den richtigen Stellschrauben zu drehen um die nationale Titelausbeute zu verbessern und den Katalanen nicht mehr das Feld zu überlassen.
Eine grosse Baustelle bleibt zudem, eine Saison mehr, der Umgang mit den Fans. Haarsträubende Ticketpreise im Bernabéu, Spieler, die auswärts den angereisten Fans nicht einmal zuwinken, fehlende Unterstützung (z.B. durch das Chartern von Flügen) für die Reise nach Kiew, ... Es überrascht nicht, dass rund Tausend Real-Fans ihr Finalticket an den Klub zurückgeben mussten, weil es schlicht und einfach zu teuer war.
Zum Abschluss noch ein Zitat von Arbeloa zum Abschied Zidanes: „Que difícil es decir adiós al Real Madrid. Nadie en la historia de este club ha sabido hacerlo mejor que él. Ahora sólo puedo acordarme de una servilleta y agradecerle que nos haya dejado disfrutar de su magia. Vuelve pronto. Gracias Zidane.





 Artikel verfasst von unserem Mitglied Patrick Lackner.  Alle Fotos von www.realmadrid.com

Dienstag, 29. Mai 2018

Die abermalige Eroberung Münchens


Bier um Bier wurde der Kühlschrank im Car bis oben hin gefüllt, Fahnen verstaut und die legendären Chorizo-Sandwiches verteilt. Es sollte für die 35 madridistas eine kurzweilige, diskussionsreiche und durstige Fahrt nach München werden. Das Bier floss schon kurz nach der Abfahrt und eine Auslosung sorgte für zusätzliche Spannung. Beim obligatorischen Gruppenfoto irgendwo südwestlich von München wurden die ersten Fangesänge angestimmt sowie einige Fahrzeuge und Schilder mit unseren bernamadridista-Aufkleber verschönert. Die Fahrt konnte nicht mehr lange dauern und als der Car die Autobahn verliess und die Häuser zahlreicher wurden, wurde jedem klar: Wird waren in München angekommen. Fahnen wurden ans Fenster gehängt, damit auch wirklich jeder Bayern-Fan mitbekam, dass Bern bereits zum vierten Mal in ihrer Stadt vertreten war.

Mit lautem Gesang und Stickern bewaffnet marschierte der Tross, einige geradliniger als andere, Richtung Marienplatz, wo mit anderen madridistas dem Anpfiff entgegengefiebert wurde. Es wurde weiterhin munter getrunken, diskutiert und das obligatorische Schnitzel verzehrt. Einige versuchten gar die Münchner Polizei von Real Madrid zu überzeugen. Was wir gelernt haben: keine gute Idee, das sind eingefleischte Bayern-Fans! Und an Real-Stickern am Kastenwagen hatten sie folglich auch keine Freude...

Nach unterhaltsamen Stunden machte sich die Gruppe langsam auf den Weg Richtung Stadion. Die Stimmung war äussert positiv und ausgelassen, was sicherlich auch mit den letzten Siegen in dieser Arena zu tun hatte. Es waren jedoch die Bayern, die in Führung gingen und die stärker spielten. Nach der 1:0-Führung dauerte es allerdings nicht lange und es wurde das erste Mal still im Stadion – Marcelo glich das spiel aus. Noch stiller wurde es, als Asensio kurz nach dem Wiederanpfiff unsere Farben in Front schoss.  Danach wurde der Sieg mehr oder weniger souverän eingefahren. Real ist nicht umsonst der beste Club der Welt und es bleibt die ernüchternde Erkenntnis für alle Gegner: Selbst an einem nur durchschnittlichen Abend kann Real jeden schlagen. Und das lässt uns träumen. Träumen vom dritten  Champions League-Erfolg hintereinander. 


Mit diesem Gedanken machten sich die 35 madridistas müde, aber mit dem Wissen, München ein weiteres Mal erobert zu haben, auf den Weg nach Hause.

BERNA PRESENTE

Dienstag, 1. Mai 2018

Die Zerstörung Turins


Kurz nach 10 Uhr fuhr ein Bus voller madridistas mit grossen Erwartungen Richtung Turin los.  Im Wissen, in den Achtelfinals schon eine grosse Mannschaft ausgeschaltet zu haben, reisten wir euphorisch und optimistisch nach Italien. Das viele Bier führte zu noch mehr Optimismus – die Stimmung wurde mit jedem Öffnen einer neuen Flasche Bier noch ausgelassener.

Bereits nach kurzer Zeit hallten die ersten Schlachtrufe und Fangesänge durch den Bus.
Zum Zeitvertrieb wurde Karten gespielt, Bier getrunken und Sandwiches verdrückt. Beim ersten Halt auf der Raststätte – kurz vor der Grenzübertretung und der Eroberung Italiens – wurden Strassenschilder und Toiletten mit Stickern verschönert. Nach kurzer Pause und dem obligatorischen Gruppenfoto ging es weiter. Kurz vor der Ankunft in Turin setzte der Regen ein und wurde zunehmend stärker. Wir wussten jedoch schon zu diesem Zeitpunkt, dass uns heute Abend nichts und niemand aufhalten konnte.

In Turin angekommen, erhielten alle madridistas ihr Ticket, verliessen den Bus und strömten mit Schals, Trikots und Bier bewaffnet hinaus in das nasskalte Wetter.  Schliesslich wurde eine nahe gelegene Bar anvisiert und die Gruppe nahm diese sogleich in Beschlag. Es wurde haufenweise Bier bestellt, viel diskutiert und schliesslich auch lautstark gesungen. Auch diese Bar-Einrichtung erlebte wie schon so viele eine ästhetische Aufwertung durch unsere saubere Klebtechnik...

Nach einigen Stunden ging es dann auf in Richtung nächste Bar, wo wir uns mit weiteren Verbündeten trafen. Kurze Zeit später und ein Gruppenfoto reicher, ging es dann lautstark singend und mit Bengalen bewaffnet durch die Turiner Innenstadt. Den zuschauenden Turinern war schnell klar – heute Abend ist der König von Europa zu Gast! Nach einer kurzen Fahrt mit dem lokalen Bus fanden wir uns vor dem Stadion wieder. Das Wetter, nach wie vor miserabel, tat unserer guten Laune und Zuversicht allerdings keinen Abbruch.

Im Stadion angelangt, ertönte schon bald die Champions-League Hymne und die Anspannung nahm merklich zu. Kaum war die Partie angepfiffen, schloss der trefficherste Spieler der Geschichte dieses Wettbewerbs einen schönen Vorstoss erfolgreich ab. Es entwickelte sich eine abwechslungsreiche und intensive Partie, die dann in der Mitte der zweiten Halbzeit ihren Höhepunkt fand:  Beim ersten Versuch noch an Buffon gescheitert, traf unsere Nummer 7 nach toller Flanke von Carvajal mit einem perfekten Fallrückzieher mitten ins italiensche Fussballherz - das ganze Stadion war für Sekundenbruchteile in absolute Stille verfallen.

Was darauf folgte, war überschwänglicher Jubel im Auswärtssektor und eine tolle Geste der italienischen Fans, welche dieses phänomenale Tor und diesen aussergewöhnlichen Spieler mit Applaus würdigten. Der Widerstand war gebrochen, es wurde sogar noch das dritte Tor erzielt (höchst wichtig, wie wir beim Rückspiel zu spüren bekommen würden).

Nach dem Match wurden im Stadion weitere Fotos gemacht, der aniversario-Schal zahlreich in die Luft gestreckt um schliesslich kurz darauf siegtrunken zu unserem Bus zu gelangen. Noch etwas benommen von den Geschehnissen, schliefen die madridistas im Wissen ein, in Europa ein weiteres Mal Angst und Schrecken verbreitet zu haben.

Unseren Träumen sind keine Grenzen gesetzt, der Traum vom dritten Titel in Serie lebt!

BERNA PRESENTE

Hala Madrid!

Sonntag, 25. März 2018

Die Schlacht um Paris


Mit einem leichten Ruck kommt das massige Fahrzeug zum Stillstand, die Türen öffnen sich augenblicklich später mit einem Zischen und aus dem Car springen 19 motivierte madridistas. Paris, wir sind da!
Wenig ist noch vom grossen Match am Abend spürbar: Der Berufsverkehr staut sich in den Strassen, die Bewohner der französischen Hauptstadt gehen ihren Geschäften nach und niemand beachtet die kleine Gruppe aus der Schweiz, die gerade über 570 km hinter sich gebracht hat (zugegeben: wie immer eine lustige Fahrt) um den grössten Klub aller Zeiten anzufeuern. Nachdem im nahgelegenen Hotel die Tickets abgeholt wurden, besetzt der Trupp wenig später eine Bar, wo wieder Kräfte gesammelt werden. Es wird geredet, gelacht, getrunken und erste Fangesänge erfüllen die Wirtschaft. Nach einer Weile versammeln sich draussen weitere Fans aus der Schweiz und auch aus Madrid.



Der grosse Moment rückt unweigerlich näher und nach weiteren Gesängen, untermalt mit ersten Bengalen welche die die Aufmerksamkeit der ganzen Strasse auf sich ziehen, beginnt der Marsch in Richtung Stadion. Nach einem Gruppenfoto vor dem Eiffelturm verschlägt es die nun 40-köpfige Gruppe weg von den Haupt- in schmalere und weniger offene Nebenstrassen. Die wärmenden Sonnenstrahlen werden schnell schwächer und es wird empfindlich kalt. Dunkle Wolken türmen sich auf und nicht viel später fallen dicke Tropfen auf die madridistas herunter. Es scheint als die Stadt plötzlich all ihre Feindseligkeit zeigen wolle und uns vorhin nur in Sicherheit gewiegt hat. Turnschuhe saugen sich mit Wasser der Pfützen voll, Jacken werden bis oben zugemacht und mit jedem Schritt wird die Anspannung spürbarer. Einzelne Knallkörper sind in der Ferne zu hören während wir dicht gedrängt weiterlaufen und nun wissen, dass Paris sehr wohl vom Fussball gepackt ist, denn gerade als wir eine grosse Kreuzung erreichen, sehen wir einem flammenden Inferno roter Bengalos entgegen. Schwarze Silhouetten springen vor den grellen Leuchtkörpern auf und ab, Fahnen werden geschwungen und laut und deutlich sind die fremden Gesänge hörbar. Ja, «içi ç’est Paris»!


Durch einen kleinen Umweg erreichen wir den Auswärtssektor. Glücklicherweise können wir sowohl Fahnenstangen wie auch die Trommel ins Stadion nehmen. Im Auswärtsblock wird das berna madridista Banner zuvorderst aufgehängt. Es würde wieder in Madrid zu reden geben, das der Berner Fanklub an praktisch jedem Auswärtsspiel in Europa dabei ist. Die Stimmung im Sektor ist gut, wir sind alle optimistisch. An einem 6. März – dem Gründungstag Real Madrids – kann nichts schieflaufen!  Als die Spieler zur Champions-Hymne einlaufen, entrollen wir mit der Hilfe der Fans aus Madrid ein Spruchband zur Ehren der Gründer von RMCF. Da uns PSG nicht erlaubte ein grosses Tifo zu realisieren, war dies unsere Art, unseren Herzensklub an diesem speziellen Tag zu huldigen.
Und unsere Spieler ehrten das Wappen ebenso: Ein überzeugender Auftritt, ein überragendes Resultat, Viertelfinale wir kommen! Jaja, «içi ç’est Paris», aber PSG schaut die Champions League fortan von Paris aus im Fernsehen. Denn auch diese Schlacht hat der König Europas gewonnen. Und erneut war Bern dabei: Wie an fast jedem europäischen Auswärtsspiel seit nun schon 10 Jahren! berna madridista, immer RMCF treu!
BERNA PRESENTE

HALA MADRID! 
 




Donnerstag, 8. Februar 2018

...en lo bueno y en lo malo...


„In Guten wie in schlechten Zeiten.“ Ein Spruch, den man normalerweise nur bei einer Ehetrauung in der Kirche zu hören bekommt. Jedoch gilt dieses Mantra auch für viele Fussballfans, die Woche für Woche mit ihrem Verein mitfiebern.

Fussball-Legende Eric Cantona formulierte es bereits treffend: „Man kann seine Frau oder Religion wechseln, niemals aber seinen Lieblingsverein.“ In schlechten Zeiten muss man sich als Fan von Real Madrid C.F. vermehrt blöde Sprüche über das sportliche Versagen des Klubs anhören. Besonders die Fans des Erzrivalen Barcelona kommen wieder aus ihren Löchern gekrochen, jetzt da sie nun aufgrund des haushohen Vorsprungs in der Liga wieder Oberwasser kriegen. Der Mensch vergisst schnell, oft zu schnell. Okay, die Saison 1933-34, als der FC Barcelona knapp dem Abstieg davonkam, liegt weit zurück. Aber wie steht es um letzte Saison, als Zizous Mannen noch gefeierte Helden waren? Immerhin gelang es keiner Mannschaft zuvor den Titel in der UEFA Champions League erfolgreich zu verteidigen. Jetzt, wo es gar nicht mehr rund läuft, wird die genau gleiche Mannschaft von den Medien und sogar in manchen Fan-Foren zerfetzt. Rufe nach einer Ablöse von Zidane werden laut, Modric und Co. sollen plötzlich über ihrem Leistungszenit sein und sofort ersetzt werden. Die falsche Transferpolitik sei der Grund, warum man diese Saison nicht in Tritt kommt. Viele wollen in den Transferwahnsinn (à la Paris St. Germain und Co.) einsteigen. Utopische Transferziele werden genannt, manche wollen sogar wie in einer computergestützten Managersimulation den kompletten Kader austauschen.

Aber: Das „komplett Neue“, einen „Neustart“, versprechen jeweils auch populistische Politiker... Ein komplettes Umkrempeln ist immer verlockend. Doch zu viele Male wurde dieser Fehler bei Real Madrid begangen (man erinnere sich an das mindestens einmal jährlich rotierende und äusserst erfolglose Trainerkarussell). Sicherlich ist die aktuelle Ausbeute zu wenig und mancher Punktverlust ist ärgerlich, nach der letzten Saison konnten die Erwartungen und der Druck nicht höher sein. Immerhin konnte man bis auf die Copa jeden Pokal mit nach Hause nehmen. Bei all den Erfolgen darf man allerdings niemals vergessen, woher man kommt. Immerhin verpasste man vor einigen Jahren noch sechs Mal in Folge das Viertelfinale der Champions League, kassierte hohe Niederlagen gegen direkte Rivalen und verpulverte oft sinnlos Geld am Transfermarkt. Nun hat man drei Finalteilnahmen inklusive ebenso vieler Titel in vier Jahren auf der Habenseite.

Natürlich kann man Zidane trotzdem einiges vorwerfen: Passivität, nicht Antasten mehrerer Spieler (z.B. dem schwächelnden und zuletzt trainingsmüden Marcelo...), späte oder schwer nachvollziehbare Wechsel. Aber man muss ihm zu Gute halten, dass die Mannschaft durchaus Chancen kreiert, junge und unerfahrene Spieler zählt und dass gleich mehrere Schlüsselspieler im Formtief sind. Gerade die Defensive stellt sich teilweise schlimmer als eine Schülermannschaft an, so dass stümperhafte Gegentore kassiert werden, die einen verdienten Sieg in eine Niederlage umwandeln. Bei den Schlappen gegen Tottenham im Wembley oder den Katalanen zu Hause war man – anders als es die Ergebnisse vermuten lassen – keinesfalls viel schlechter. In London war man drauf und dran, den Ausgleich zu erzielen, kassierte dann auf Grund eines Fehlers im Aufbau das 2-0. Und gegen die Katalanen hätte man auf Grund der Chancen in der ersten Halbzeit mit mindestens 2-3 Toren in Vorsprung liegen müssen. So bewahrheitete sich die alte Fussballer-Weisheit „machst du die Chancen vorne nicht, bekommst du sie hinten“.

Zusammengefasst läuft es diese Saison alles andere als rund, der Kampf um die Meisterschaft ist zur Halbzeit schon aussichtlos. In der Copa das peinliche Viertelfinal-AUS gegen Leganés und in der Königsklasse haben wir Paris vor der Brust. Manche prophezeien ein Debakel, man solle besser erst gar nicht antreten und den neureichen Franzosen freiwillig das Feld überlassen. Doch genau diesen Fehler werden Zidanes Mannen nicht machen, mit einer gesunden „Jetzt erst Recht“ Mentalität lässt sich die bis heute verkorkste Saison vielleicht ja noch retten. Die Meisterschaft ist der ehrlichste Titel, da sich in der Regel Los/Spiel/Schiedsrichterglück über 38 Spieltage wieder ausgleichen. In den letzten zehn Jahren (diese Spielzeit eingerechnet) konnte man ganze zwei Meistertitel erringen, während die Katalanen ihren Zähler bald auf unglaubliche sieben schrauben werden. Geht diese Entwicklung so weiter, wird es in naher Zukunft einen neuen Rekordmeister in Spanien geben, genauso wie der aktuelle Punkterückstand der Woche für Woche anwächst... einfach nur beschämend. Die Leistungen in der Champions League übertünchen die oft katastrophale Ausbeute in den nationalen Bewerben (la Liga + Copa).

Madrid bleibt wie so oft die Champions League als letzte rettender Strohhalm an den es sich zu klammern gilt. Mit den Fans im Rücken, müssen die Madrilenen niemanden fürchten und können jeden schlagen. Alleine der verrückte Fanhaufen, welcher den eigenen und gegnerischen Mannschaftsbus auf den Strassen rund ums Bernabéu in Empfang nimmt, kann Berge versetzen. Schade nur, ist ein Teil ebendieser Fans aus dem Stadion verbannt worden, denn nun braucht es jede Kehle, um die Mannschaft daran zu erinnern, dass sie für den besten Verein der Welt spielt und kein Gegner zu gross ist.

Dass die Fans ein Spiel beeinflussen können ist eine Tatsache (auch wenn sie von denen, die eine unternehmensartige Klubführung gutheissen, häufig negiert wird). Die Gegner werden durch die elektrisierende Atmosphäre eingeschüchtert und bringen gleich ein paar Prozent weniger Leistung, wie der Fall von TimoWerner des RB Leipzig in Istanbul zeigte.

Bei Madrid gibt es aber leider unter den 80.000 Zuschauern oft zu viele Eventfans/Touristen, welche mit gezückten Smartphones das Spielgeschehen verfolgen oder irgendetwas in sich hineinstopfen, anstatt die Mannschaft bedingungslos anzufeuern und nach vorne zu peitschen. Und diese Passivität und Wohlfühl-Schema schlägt wohl auch auf einige Spieler über, die zuletzt fast lustlos (z.B. in den Cup-Spielen) dem Ball nachgetrabt sind. Solche Verhaltensweisen, genauso wie solch inakzeptable Aussagen wie die von Marcelo („wir haben unsere Fans zu fest verwöhnt“), sollte diesen Profisportlern von den Fans rasch ausgetrieben werden: Mit einer fordernden, unterstützenden und elektrisierenden Stimmung in jedem Spiel.

Es bleibt nun zu hoffen, dass die Führungsetage trotz der schlechten Ergebnisse kühlen Kopf bewahrt und Zidane in Ruhe weiterarbeiten lässt. Denn abgerechnet wird im Mai/Juni nicht im Februar wer wirklich zum Verein steht beziehungsweise wer nur auf Grund der Erfolge der letzten Jahre plötzlich seine Liebe zu Real Madrid entdeckt hat.

, und selbst wenn diese Saison titellos zu Ende gehen sollte, hat Zidane es verdient, eine weitere Saison am Hebel zu sitzen. Natürlich ist konstruktive Kritik wichtig und ein Bestandteil der Liebe zum Klub. Aber in Zeiten wie diesen sieht man auch,

„Como no te voy a querer…"


Anmerkung: Es handelt sich bei den Artikeln auf diesem Blog um Meinungen. Sie wiederspiegeln nicht die Ansichten von berna madridista oder der Vereinsführung. Der Blog ist lediglich eine Plattform, für diverse Ansichten und Beiträge der Mitglieder. Jedes Mitglied des Fanklubs kann darauf Artikel veröffentlichen, sofern die grundlegenden Regeln des Respekts und der Qualität eingehalten werden.

Montag, 4. Dezember 2017

Es ist nicht einfach, Real Madrid Fan zu sein


Es ist nicht einfach, Real Madrid Fan zu sein. Wie, was, werden sich viele fragen: Ihr seid doch erfolgsverwöhnt! Nun ja, hierzu gibt es wohl wenig einzuwenden. In der Tat sind wir das: Jedes Jahr sind wir Topkandidat auf alle nationalen und internationalen Titel und treten mit einem beneidenswerten Kader an. Und gerade in den letzten Jahren hatte man als madridista sehr viel zu feiern: Zwei Mal die Champions League gewinnen – das hatte noch niemand vor dem König Europas geschafft!

Es ist nicht einfach, Real Madrid Fan zu sein. Ach so, weil so viele euch aus unterschiedlichen Gründen hassen: Neid, wenn es Rivalen sind, moralische Ablehnung (Real Madrid als reicher und kapitalistischer Verein, „ich bin für David, nicht Goliath“), anti-Ronaldo Ressentiments („er ist so viel arroganter als Messi“) oder sogar politische/historische Gründe („Real Madrid war der Klub von Diktator Franco“, was, nebenbei gesagt, schlicht und einfach unwahr ist). Nein, ich beziehe mich auch nicht auf die Ablehnung oder den Hass anderer gegenüber unserem Verein: Denn dieser anti-madridismo macht uns trotzig stolz und schweisst den madridismo auf der ganzen Welt zusammen.

Es ist nicht einfach, Real Madrid Fan zu sein. Sind es dann die Mode-Fans? Auch nicht. Die kommen und gehen, wie in einem Vergnügungspark: Fröhlich strömen sie mit ihrem nagelneuen und bedruckten Trikot in den Park (in diesem Fall der Klub), der sie fröhlich und mit klingenden Kassen empfängt, bis das nächste Gewitter aufzieht und sie sich verziehen, um mit einem anderen Trikot einem anderen Disneyland einen Besuch abzustatten. Das Traurigste bei den Mode-Fans ist dann eigentlich, was sie ihrem Nachwuchs vermitteln. Es überrascht heute gar nicht mehr so, ein Kind mit Real-Hose und Barça-Trikot auf dem Schulplatz anzutreffen. Wie sollen sie in dieser schnelllebigen und materialistischen Welt (und v.a. mit Mode-Fans Eltern) verstehen, dass Treue zu EINEM Klub ihnen so viel mehr Leidenschaft erleben lassen wird, als sich jedes Mal mit einem neuen Trikot, einem Hotdog und einer Cola in der Hand in ein neues von Etihad oder Katar gesponsertes Edelstadion auf den Plastiksitz zu setzen?

Es ist nicht einfach, Real Madrid Fan zu sein. Der Klub sieht dich als Kunde, nicht mehr und nicht weniger. Scheissegal, können viele waschechte madridistas den mittlerweile horrenden Eintrittspreis nicht mehr bezahlen. Kommst Du nicht mehr, kommt ein anderer. Vorzugsweise ein Tourist, der im RM-Shop viel Geld liegen lässt. Stimmungstod? Macht nichts. Besser klingen die Kassen, dann bauen wir ein Luxushotel ins Stadion und kaufen die Besten ein. Wer braucht da noch den "12. Mann"? Und auswärts ist es nicht viel besser: Kommt Real Madrid zu Besuch, meinen alle Klubs, die Fans seien reich wie Florentino Pérez selbst und schrauben den Preis für ihren schlechtesten Sektor – den Auswärtsblock – in den dreistelligen Bereich.

Ist dies nicht die Situation eines jeden Fans im heutigen, modernen Fussball? Da ist was dran. Aber bei Real Madrid fehlt mittlerweile ein Ort für die Fans, die stehend mitfiebern und anfeuern wollen. Die Ultras Sur, die seit 1980 für Stimmung gesorgt hatten, wurden aus dem Stadion verbannt. Ihnen wurde zum Verhängnis, dass sie im ungünstigsten Moment einen internen (und gewalttätigen) Machtkampf austrugen, als eine neue Generation von Ultras ihr Kuchenstück (in jeder Kurve geht es auch um Geld und Macht) einforderte, aber vielleicht auch, dass sie eine recht geschlossene sowie politisch orientierte Gruppe sind, in die nicht jeder reinkommt. Die Konsequenz? Alle raus und ein neues Fanprojekt, „eine Kurve für jeden madridista der anfeuern will“. Doch das Projekt enttäuscht: Mehrere "Capos" von Ultras Sur sind weiterhin in der Kurve. Das Geschäft geht weiter. Die Qualität der Tifos hat nachgelassen: Da die Tifo-Künstler von Ultras Sur ihrer Gruppe treu geblieben sind, gibt es jetzt meist nur von Unternehmen bedruckte riesen-Fahnen, bei denen es an Herzblut und  häufig an Originalität mangelt. Aber noch viel wichtiger: Die neue Kurve (wo jeder übrigens zwingend in Weiss erscheinen muss, dafür aber nur 5 euro Eintritt bezahlt) tanzt nach der Pfeife der Klubführung. Dabei ist die Essenz einer Kurve, dass sie bedingungslos hinter dem Klub, jedoch nicht unbedingt hinter der Klubführung stehen muss. Dass sie, wenn letztere nicht im Interesse des Klubs handelt, Druck auf diese ausüben kann. Und so kann man nicht anders, als dieser neuen Kurve skeptisch zu begegnen. Die fehlende Authentizität kam vor dem Cup-Rückspiel gegen Underdog Fuenlabrada zum Vorschein, als die Weisung von Real Madrid an die Grada Fans publik wurde: „Wer das Cup-Rückspiel verpasst, kommt auch nicht ans Clásico.“ Eine solche Warnung herausgeben zu müssen, um die Kurve füllen zu können, ist wahrlich ein dickes Ei... Eine Kurve ist immer da, wer auch immer der Gegner ist! 

Und welche Wahl bleibt somit einem Real-Fan, der weder zu den verbannten und nur sporadisch in bedrohlichem Schwarz erscheinenden US, noch zu dieser „new madridismo“-Kurve gehören will/kann? Das Spiel halt sitzend von einem anderen Sektor aus mitverfolgen? Nicht mehr ins Bernabéu gehen? Nur noch an Auswärtsspiele reisen, wo die Mannschaft den Auswärtsblock – einem Flickenteppich aus Touristen mit überteuerten viagogo-Tickets, spanischen Erasmus-Studenten und Real-Fans mit sieben Fahnen um die Hüfte aber kaum einem RM-Gesang im Gedächtnis – nicht einmal grüsst?

Und doch... Auch wenn der Neid auf andere Klubs, mit tollen und geeinten Fankurven, einer richtigen Fan-Mentalität und einer engen Bande zwischen Anhang, Klubführung und Mannschaft, zuweilen gross ist: Welcher madridista würde schon Klub tauschen wollen?

Es ist nicht einfach, Real Madrid Fan zu sein. Aber es ist es das Beste auf der ganzen Welt.



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