Donnerstag, 14. März 2019

Jetzt, jetzt ist der Moment!

Es ist alles verloren. In einer Woche wurden alle unsere Alpträume wahr: Zuerst das erbärmliche Ausscheiden vor eigenem Publikum und gegen den Erzfeind in der Copa del Rey. In der Berner Sportbar war die Stimmung selten schlechter. Dann, wieder zuhause und wieder gegen Barcelona, ein 0-1 welches die Chancen auf die Meisterschaft auf ein Minimum reduzierten. Trotz der sportlichen Mängel blieb da noch ein wenig Hoffnung auf unsere Königsdisziplin, die Chaaaampions. Nach dem Hinspiel-Sieg, und angesichts der Dominanz auf dem Kontinent, glaubten wir alle, dass mit einem sportlich mittelmässigen aber beherzten Auftritt der Einzug in das Viertelfinale gelingen würde. Aber nein: Vor heimischem Anhang das nächste Fiasko. Adiós Copa, ciao Liga, byebye Champions League. 

Während der Journalismus-Blätterwald unter den freudigen Flügelschlägen der vielen As-Geier Reporter – die sich als objektiv geben, aber Real Madrid wegen seinem Glanz regelrecht hassen – raschelte, verliessen unten durch die ersten Ratten das Schiff. Einige davon waren bereits letzten Sommer mit C. Ronaldo nach Turin gegangen. Aber viele zeigten sich erst jetzt. Endlich, umso besser.



Wenn das Imperium strauchelt, dann freuen sich so manche. In der Goal-Bar spürten wir viel Schadenfreude. Aber trotz all dem Gelächter war der Geruch nach angestauter Galle nicht zu überriechen. Schlägst du auf dem Weg zur Arbeit die 20 Minuten auf, erkennst du, wie RMCF auch in der Schweiz viele Journalisten glücklich gemacht hat. Bei der Arbeit, das Grinsen. „Louft bi Real, hä?“, begrüsst dich der Kollege, der Mal Liverpool „cool“, mal PSG „geil“ und natürlich immer Barça „sympatisch“ findet, aber nach zwei Live-Spielen im Stade de Suisse bereits zuvorderst in der Meisterfeier Selfies schiesst. „Wieso habe ich auch nur gesagt, dass ich madridista bin?“, fragst du dich da. Zu spät. Und wenn dann noch der Vorgesetzte einen Klugscheisser-Kommentar von sich gibt, fragst Du Dich ernsthaft, ob es sich nicht lohnen würde, ihm auf die Füsse zu spucken, einen Schrank von der Wand zu reissen und zu gehen, anstatt eine politisch korrekte „Mä cha nid immer gwinne“ Antwort zu murmeln.

Doch die schlechte Laune lichtet sich, und 8 berna madridistas machen sich auf nach Madrid, wo auch das Basket-Spiel gegen Fenerbahce gewonnen wird. Zusammen mit 5 madridistas aus Argentinien und 8 Jungs aus Madrid trifft man sich dann am Sonntag 10. März vor dem Santiago Bernabéu. Hä? Ist doch Auswärtsspiel? Genau. Und ist doch nichts mehr zu gewinnen? Gerade darum. Es ist Mittag, es ist sonnig, aber ziemlich menschenleer. Den meisten ist noch die Müdigkeit anzumerken – am Vortag gab’s ein gemeinsames Nachtessen im madridista Restaurant „Viejo Chamartín“ und dann das übliche Programm. Trotzdem wandert eine namhafte Anzahl Bierdosen in den gebuchten Kleinbus. Es wartet eine 3-stündige Fahrt: Ab nach Valladolid.

Valladolid? Das war einmal die Hauptstadt des Königreich Kastiliens, und während 6 Jahren sogar ganz Spanien. An diesem Sonntag gleicht sie eher einem Provinznest, das kalt auf einer Hochebene thront. Zwei wenige Meter von einander entfernte Tabernen werden in Beschlag genommen und ihr Tagesumsatz gleich vervielfacht. Dann geht es singend und Sticker klebend zur Ticketabholung und dann zum Stadion José Zorrilla. Nach Diskussionen mit den stets äusserst unhöflichen spanischen Polizisten müssen wir unser Lager im oberen Teil des Auswärtssektors aufschlagen. Zuvor wird jedoch beim Eintritt der Mannschaften ein Spruchband entrollt: „Más Reguilón“. Mehr Eier, mehr Leidenschaft, mehr Klubliebe verlangen wir.

Finde Berna :D
Dann beginnen 90 Minuten ununterbrochenes Singen. Auf die Wand schlagend, zuletzt fast nur noch krächzend. Obwohl das kalte Stadion im Volksmund „die Lungenentzündung“ heisst, sind alle bald ohne T-Shirt. Der Real-Sektor macht (schüchtern) mit, viele Valladolid-Fans (denen wir einen Verbleib in der Primera División wünschen) schauen uns fassungslos an. Ihr aus Bern? Hier? Jetzt?? Ja, Freunde, jetzt, genau jetzt ist der Moment dafür.

Als beim Schlusspfiff die Spieler grüssen kommen, singen wir stoisch weiter über unsere Liebe zum Klub. Die Spieler sollten längst verstehen: Wir sind nicht ihretwegen gekommen, und das Resultat ist uns scheissegal. Wir sind hier, für das, was sie auf der linken Brust tragen.

VOLVEREMOS. 





 


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