Dienstag, 19. Juni 2018

Bern, Madrid, Kiew - und darüber hinaus



Flughafen Zürich-Kloten, 9h15. In den Überwachungskameras stechen in der Menge drei Personen hervor. Nicht etwa wegen ihrer Bekleidung (Fussball-Trikot und, trotz der sommerlichen Temperaturen, Schal), und auch nicht aufgrund der Dosen Bier in der Hand (trotz der Uhrzeit), sondern aufgrund der verdächtig guten Laune. Die Zentrale meldet dies einer Patrouille – man muss schliesslich stets vom Schlimmsten ausgehen. Nach ein paar Abklärungen und einer Personenkontrolle wird grünes Licht gegeben: Es handelt sich um zwei Fans von Real Madrid, die nach Kiew an das dritte Champions League Finale ihres Klubs in Folge reisen. Aha, die übertrieben gute Laune kommt also weder von Drogenkonsum, noch vor der Vorfreude auf einen Terrorakt. Real Madrid Fans! Kein Wunder, sind sie so gut drauf!

Plaza del Sol, Madrid, 11h. Das Sonnenlicht dringt problemlos durch die Ritze des vergilbten Vorhangs dieses mittelprächtigen Hostals und weckt die zwei verkaterten madridistas langsam aber unbarmherzig auf. Mehrmals geht der Griff zur Wasserflasche daneben, die liebevoll auf dem Stuhl bereitgelegten berna madridista Jubiläums-Schals gleiten zu Boden und die späte Uhrzeit bringt ein Stöhnen hervor. „Los jetzt, wir wollten doch früh beim Santiago Bernabéu sein!“

Bern, 11h30. Die zwei Kisten mit Fahnen und anderem Fanklub-Material werden in den Kofferraum gehievt. Ihr Ziel: Die Beiz 44 in Bern. Denn dort wird sich der madridismo der Schweizer Hauptstadt zusammentun, um gemeinsam der Dreizehnten entgegenzufiebern. Es werden Bierdeckel des Fanklubs bereitgestellt, Fahnen aufgehängt und die Grossleinwand aufgestellt. Das Personal der Bar hat Unmengen an Bier kaltgestellt und der Grill steht blitzblank bereit, um die Gäste zu versorgen. An Essen und Trinken soll es nicht fehlen, das steht fest!

Kiew, 12h. Fast alle angereisten Mitglieder von berna madridista treffen sich beim Olympiastadion zur Ticketabholung. Die meisten können es kaum glauben, hier zu sein. Die Reise war sehr teuer und in machen Fällen lang. Denn erst kurzfristig überbrachte Real Madrid die gute Neuigkeit, so dass für viele eine kurzfristige Planung unumgänglich war. Eine Unterkunft im ausgebuchten Kiew zu finden war eine Herkules-Aufgabe. Und doch sind wir alle hier, und das allein zählt jetzt. Die Sonne scheint, es ist warm, die Ukrainer sind freundliche Gastgeber, das Essen ist gut und das Wichtigste: Heute Abend spielt unser Herzensklub. Was will man mehr? Alfredo vom Fanklub-Büro begrüsst uns herzlich. Er weiss, wie der Berner Fanklub an jedem Spiel dabei ist, ob in Zypern, Bulgarien oder Marokko. Von den typischeren Destinationen in Deutschland, Italien, Frankreich oder England ganz zu schweigen. Auch deshalb blieb Real Madrid nichts Anderes übrig, als uns bei der Ticketvergabe zu berücksichtigen. Und das freut madridista Alfredo. Das erhaltene Ticket wird sofort, und als wäre es ein Kronjuwel, versorgt. Ab ins Bier!

Madrid, 16h. Das Aufstehen und ausgiebige Frühstück hat sich in die Länge gezogen, und ein kurzer Spaziergang zum Königspalast tat sein Übriges. Ist auch nicht schlimm, es geht noch mehrere Stunden bis zum Anpfiff. In der Metro auf dem Weg zum Bernabéu erkennt man sich: Viele tragen Weiss. Ein paar grimmige Gesichter gibt es, das müssen die permanent verbitterten Atlético-Fans sein. Die werden heute alle zu Liverpool-Supportern, das ist gewiss. Aber ihr Neid macht uns umso stärker. „Próxima parada, Santiago Bernabéu“, ertönt die mechanische Stimme es aus dem Lautsprecher. Mit einem lauten Zischen gehen die Türen auf und alle stürmen johlend aus dem Zug. Ein paar klatschen RMCF-Stickers an die Wände. Der Kater ist vergessen: Mit grossen Sprüngen geht es die Treppen hoch, Richtung Licht, und dann erscheint majestätisch das Santiago Bernabéu, die Arena, wo Träume wahr werden. 


Bern, 17h30. Die ersten Real-Fans, die die es am wenigsten erwarten können, treffen ein. Jedem wird ein Krug Bier in die Hand gedrückt – vom Fanklub spendiert – und später gibt es für alle kostenlos Hamburger mit Pommes. Mehrere Mitglieder tragen den Jubiläumsschal des Fanklubs (es werden 10 Jahre gefeiert), und viele haben Freunde – selbstverständlich auch Real Madrid Fans – mitgebracht. Wir begrüssen sogar weithergereiste Mitglieder, wie zum Beispiel Georg aus Basel und Lars aus Bötzingen (D). Viele Kilometer, um gemeinsam mit anderen gleichgesinnten ein Spiel zu sehen. Das ist madridismo. Es wird hitzig diskutiert: Soll die BBC (Bale, Benzema, Cristiano) spielen? Was ist mit Lucas Vázquez und Isco? Wie werden die Engländer spielen? Wird Salah ein Problem für Real? „Der Schlüssel zum Sieg ist ein frühes Tor!“, ruft einer, um dann gleich den zweiten Krug zu bestellen. Irgendwie müssen ja die rund 50 madridistas die Wartezeit überstehen...

Kiew, 18h. Die Bar ist voller Real-Fans, viele davon aus Madrid, ein paar aus Bern. Bier um Bier schlittert über die nasse Theke, dann geht es plötzlich über zum Whisky. Die breiten und bärtigen Ukrainer die ausschenken, sind alles Dynamo-Fans. Eine berüchtigte Fan-Schar. Aber wir sind zahlende Kunden und schenken ihnen dazu noch RMCF-Stickers, die sie mit den glitzernden Augen eines Kleinkindes entgegennehmen. Draussen wurden mehrere grimmige, verdächtig nach Dynamo-Ultras ausschauende Typen erspäht, was Erinnerungen an den Angriff ukrainischer Hooligans gegen Liverpool-Fans am Vortag wach werden lässt. Doch der Alkohol wischt jede Sorge weg, und aufgrund der lauten Gesänge haben sich bereits mehrere Polizisten am Eingang eingefunden. Endlich werden die Segel gesetzt: Johlend verlassen rund 30 Real-Fans die Bar, mit einem lauten Knall wird eine Leuchtbengale gezündet und es geht Richtung Stadion!

Madrid, 20h. Die Tickets auf den Namen von berna madridista wurden abgeholt. Für alle Mitglieder von berna madridista waren sie gratis, und zur grossen Freude wird festgestellt: Es sind fantastische Plätze! Inmitten gleichgesinnter fühlt man sich zudem sehr schnell wohl, auch wenn man selbst kein Spanisch spricht. Das Santiago Bernabéu ist ausverkauft, die Stimmung grosses Kino. In der Mitte des Platzes flimmern riesige Bildschirme, sie zeigen Erinnerungen an den letzten Champions League Triumph in Cardiff. Die positive Energie ist der Wahnsinn. So viel Zuversicht, was kann da noch schiefgehen? Viele Socios (Voll-Mitglieder) sind hier, denn die Reise gegen Osten war für viele zu teuer. Spontan werden Gesänge aus verschiedenen Ecken des legendären Bernabéus angestimmt. „Señores soy madridista desde la cuna, que vamos a ser campeones no tengo duda...“

Bern, 20h45. Anpfiff! Die Hamburger und das Handy sind nun vergessen und mit Hochspannung wird das Spiel verfolgt. Liverpool macht Druck. Das war zu erwarten, und es wird nicht ewig andauern. Real verteidigt routiniert, und doch gibt es mehrere Schreckmomente. Dann verletzt sich Salah an der Schulter, was die Barcelona-Fans später billig benutzen werden, um die Leistung Reals abzuwerten und Ramos der Unfairness zu beschuldigen. Einigen BM-Mitgliedern ist die Erleichterung anzusehen, Salah hat eine unglaubliche Saison gespielt. Der Halbzeitpfiff ertönt, 0-0.

Kiew, 22h45 (Ortszeit). Die Halbzeitpause ist vorbei, alle Hände gehen in die Luft und klatschen unisono, der Trommel folgend, „Hasta el final, vamos Real! Lo, lolo, lolo,...“ Die Mitglieder von BM stehen hinter dem Tor, wo die Stimmung elektrisierend ist. Und da fällt wie aus dem heiteren Himmel das 1-0... Ohrenbetäubender Jubel, man wird hin und her gestossen, umarmt, mit Bier überschüttet und plötzlich zischt eine leuchtendrote Bengale auf. Vamos!

Madrid, 22h30. Es steht 3-1 und im Bernabéu ist niemand mehr zu halten. Es wird mit rauer Stimme nochmals die RM-Hymne gesungen, und als der Schlusspfiff ertönt, erzittert ganz Madrid. Eines unserer Mitglieder schreibt: „Es ist schwer, ein treffendes Wort für dieses Erlebnis zu finden. Alles war schlichtweg unglaublich. Ich freue mich, eines Tages meinen Kindern davon zu erzählen!“. Nach dem Spiel ziehen die Fans zu Fuss in einem Umzug vom Stadion zum Cibeles-Brunnen. Es ist unbeschreiblich. Immer wieder kommt die Menge zum Stehen, um Lieder gemeinsam anzustimmen, Fahnen werden geschwenkt. Auf einer Brücke wird der Marsch von Mitgliedern von Ultrassur empfangen, die Unmengen an Pyros zünden und 13 grosse mit den Europapokalen bemalte Fahnen in die Höhe stemmen. Mitten im Umzug, noch ein Heiratsantrag. Gibt es eine bessere Kulisse?

Bern, 22h50. Nach dem ersehnten Abpfiff wird eine weitere Runde Bier ausgeben, um zusammen auf den 13. Titel anzustossen. Und damit auch wirklich das gesamte Quartier mitbekommt, wer der König von Europa ist, werden auf der Strasse vor der Bar bei lautem Gesang Bengalos und Rauchbomben gezündet. Für einige ist der Abend noch lange nicht vorbei, andere denken bereits an den 1. Juni 2019...  


Kiew, 23h00 (Ortszeit). Der 13. CL-Pokal wird von Kapitän Ramos in die Höhe gestemmt und die Hälfte des Stadions explodiert. Es ist vollbracht, der Madridismo kann schon wieder feiern! Einziger kleiner Wermutstropfen: Ab den vielen Selfies mit mitgebrachten Freunden und Familie vergessen die meisten der RM-Spieler uns, die Fans. Nur wenige von ihnen überqueren die Leichtathletik-Bahn. Sie vergessen, dass sie ohne uns, nichts sind. Dass RMCF wir, die Fans sind, und dass Spieler kommen und gehen. Das tut aber unserer guten Laune keinen Abbruch. Die berna madridista Fahne wird verstaut und wir machen uns auf ins Kiewer Nachtleben. Unbesorgt, denn auch ein Alkoholrausch wird die Erinnerung an diesen Tag nicht verblassen lassen. Sie ist ins Gedächtnis eingraviert wie „REAL MADRID CF“ in die silberne Oberfläche der d r e i z e h n t e n Champions League Trophäe...

Ja: Der Samstag, 26. Mai 2018 war ein Tag für die Annalen der Geschichte des runden Leders. Niemals zuvor hat ein Fussballklub die Königsklasse so lange dominiert.  Doch der 26. Mai 2018 hat sich auch in das Gedächtnis von Millionen von madridistas eingebrannt.  Egal wo wir an diesem Tag waren: Es ist einer dieser Tage, die wir nie vergessen werden. Und es wird auch in dreissig Jahren einer dieser Tage sein, an wir alle genau wissen werden, was wir gemacht, gegessen und getrunken und wie und mit wem wir gefeiert haben.


Als am 12. Oktober 1492 Amerika entdeckt und das bisherige Ende der Welt (bis dahin, der Atlantik) erweitert wurde, setzten die spanischen Könige die Devise „Plus Ultra“ in das spanische Wappen. „Plus Ultra“ (lateinisch), bedeutet „darüber hinaus“ und widersetzt sich dem „Non Plus Ultra“ („nicht mehr weiter“), welches auf den Herkules-Säulen zu lesen gewesen sein soll. „Plus Ultra“ ist zweifellos auch die Devise Real Madrids. Denn das Sättigungsgefühl ist schon wieder vorbei. Wir lechzen nach weiteren Pokalen, Abenteuern und epischen Siegen. Das ist das Gen des madridismo.

REAL MADRID, EINE LEIDENSCHAFT, UND BERNA MADRIDISTA, STETS ZUVORDERST DABEI!






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